Naivität ist nicht mehr zeitgemäß

Vierte enter the future-Veranstaltung: „Chinas Aufstieg – wie kann Europa mithalten?“


02.05.2022




Knapp 100 Gäste in der TauberPhilharmonie Weikersheim und 125 Personen via Live-Stream nahmen am Mittwoch, 27. April an der vierten Veranstaltung der Reihe „enter the future“ der Wittenstein Stiftung teil. Die Referenten Dr. Janka Oertel und Prof. Dr. Sebastian Heilmann, zwei ausgewiesene Asien-Experten, zeigten die vielschichtigen Herausforderungen Europas gegenüber der gigantischen wirtschaftlichen sowie (geo-)politischen Macht Chinas auf und traten mit dem Publikum – ob digital oder vor Ort – in einen aktiven Austausch.


Auch wenn der Wachstumsmotor China in jüngster Zeit etwas an Power verloren hat, so ist China nach wie vor eine gigantische, dynamische Macht von weltweit zunehmender Bedeutung. „Man kann nicht über die Zukunft sprechen, ohne dabei Chinas Rolle zu thematisieren“, eröffnete Moderator Benedikt Hofmann (Chefredakteur des MM MaschinenMarkts) einen kurzweiligen Abend mit zahlreichen Wortbeiträgen aus dem Publikum. Dies bestätigte auch die Gastgeberin des Abends, Dr. Anna-Katharina Wittenstein, Mitglied im Kuratorium der Wittenstein Stiftung und Vorstand der WITTENSTEIN SE: „Mit Blick auf die Weltordnung ist China eine ganz entscheidende Größe von allergrößter Bedeutung. Für exportstarke Länder wie Deutschland ist dies Chance und vielschichtige Herausforderung zugleich – auch für uns hier in der Region mit all ihren hochwertigen Arbeitsplätzen.“ Genau diese Wechselwirkungen in der Gesellschaft aufzuspüren, sowie den öffentlichen, interdisziplinären und auch interkulturellen Diskurs zu fördern, ist das Ziel der Veranstaltungsreihe „enter the future“ und übergeordnete Aufgabe der Wittenstein Stiftung.



Europa nach innen und außen stärken

Dr. Janka Oertel, Direktorin des Asien-Programms beim European Council on Foreign Relations, gewährte mit ihrem Impulsvortrag interessante und sehr persönliche Einblicke zu den militärischen und geopolitischen Dimensionen Chinas. Seit nun mehr als zwei Jahren ist eine Einreise nach China auch für sie als Wissenschaftlerin nicht mehr möglich. Und dies nicht nur aufgrund der dortigen Corona-Maßnahmen und dem Festhalten an der „zero covid-Strategie“ – erschwerend kommen Sicherheitsbedenken hinzu: „Es ist für Forschende keine Selbstverständlichkeit mehr, dass man vor Ort sicher ist. Die Fälle der vergangenen Jahre haben gezeigt, dass internationale Think Tanker aufgrund sich verändernder rechtlicher Rahmenbedingungen in China ins Visier des immer autoritärer agierenden Staats geraten können und dann – zur falschen Zeit am falschen Ort – lange Haft unter dubiosen Bedingungen in Kauf nehmen müssen“, so die Autorin zahlreicher Publikationen u.a. zu EU-China-Beziehungen und der chinesischen Außenpolitik. Um zu verstehen, wie sich die Rolle Chinas in der Welt verändert hat, müssen laut Oertel zum einen das enorme wirtschaftliche Wachstum seit den späten 1970er Jahren, zum anderen die ideologischen Vorstellungen von Machthaber Xi Jinping betrachtet werden. Referenzpunkt hierfür sei allerdings nicht Europa, sondern die Rivalität um die globale Führung mit den USA. „Dafür hat Xi nicht nur wirtschaftliche Ziele ausgegeben, sondern eben auch militärische. Bis 2049 – dem 100-jährigen Jubiläum des Bestehens der Volksrepublik – soll China laut Xi ein Militär haben, das Kriege nicht nur kämpfen, sondern auch gewinnen kann“ erklärte Oertel. Bezogen auf die aktuelle Situation in der Ukraine sehe sie keine Anzeichen, dass China aufgrund des guten Verhältnisses zu Russland und dem erst Anfang des Jahres geschlossenen Pakts einer „grenzenlosen Partnerschaft“ eine Vermittlerrolle einnehmen werde: „China steht klar an Putins Seite“, so Oertel. Die Rolle Europas in dieser neuen Realität müsse sich durch Stärkung nach innen und außen auszeichnen – nach innen Einigkeit und Solidarität lebend, nach außen die Initiative ergreifend, um das globale Umfeld mitzugestalten, in dem China agiert.



Abhängigkeiten von aggressiven Großmächten reduzieren

Welchen Gefahren und Herausforderungen sich Europa hinsichtlich Wirtschaft, Technologie und Systemwettbewerb künftig stellen muss, skizzierte Dr. Sebastian Heilmann, Professor für Politik und Wirtschaft Chinas an der Universität Trier, im zweiten Impulsvortrag des Abends: „Mittlerweile ist China für mindestens 124 Länder dieser Welt wichtigster Handelspartner, weit vor den USA. Die weltweite Pandemie hat diese Entwicklung noch beschleunigt: die Ausfuhr von medizinischer Schutzausrüstung, Masken, aber auch von beispielsweise Elektronik führten in China 2021 zu einem wahren Exportboom von plus 30 Prozent zum Vorjahr.“ Heilmann, der als einer der international profiliertesten China-Experten aus Europa gilt, warnte zudem vor einer bedrohlichen Lage für den deutschen Mittelstand, dem auch viele Weltmarktführer in der Region angehören. Durch den Aufstieg Chinas zum Dreh- und Angelpunkt für die Technologieexporte der Welt, seien vor allem deutsche Kerninteressen in Gefahr. „Wir müssen unsere wirtschaftliche Sicherheit durch Freihandelsabkommen und den Umbau von Lieferketten sicherstellen. Auch die Steigerung der europäischen Innovationsfähigkeit, Wertschöpfung und Bildung mit MINT-Fokus sind zwingend notwendig – und nicht zuletzt die Erhaltung unserer Wehrhaftigkeit durch Allianzen wie beispielsweise G7+“ so Heilmann. Überraschend sei für ihn das jahrelange Beiseiteschieben und Ignorieren des offensichtlichen Systemunterschieds zwischen Europa und China: „Wir wollten China immer integrieren, obwohl China dies nie wollte und auch offen kommunizierte. Nun finden wir uns in einem neuen Koordinatensystem mit vielen aggressiven Großmachtrivalitäten wieder und sind erstaunt, dass von uns nichts mehr übrigbleiben wird, wenn wir sie gewähren lassen.“ Die Abhängigkeit von Großmächten generell zu reduzieren ist laut Heilmann ein wichtiger Schlüssel für die Erhaltung der europäischen Souveränität – wie auch die aktuelle Situation mit Russland zeige. Dass Chinas Aufstieg durchaus auch positive Effekte auf Europa haben kann, formulierte Heilmann abschließend wie folgt: „Der Systemwettbewerb, die offenen Konflikte und sichtbaren Verwundbarkeiten lösen einen strukturellen, unausweichlichen Veränderungsdruck aus, der eine Neuaufstellung der Europäer erzwingen wird. Er wird uns Beine machen – und das ist gut so!“


Gastgeberin Dr. Anna-Katharina Wittenstein brachte es nach den beiden Impulsvorträgen sowie den Beiträgen aus dem Publikum auf den Punkt: „Es geht darum, die Welt realistisch zu sehen und sich vom Wunschdenken zu verabschieden. Für uns als Familienunternehmen ist es essenziell, sich die eigene unternehmerische Unabhängigkeit zu bewahren. Und nicht zuletzt liegt es auch in unserer Hand, den Erfindergeist unserer Jugend und Innovationskraft im Zusammenspiel mit anderen Unternehmen, Kommunen und Bildungseinrichtungen zu fördern, um uns erfolgreich im Systemwettbewerb mit China positionieren zu können.“


Die Aufzeichnung der gesamten Veranstaltung inklusive der Diskussionsrunde mit dem Publikum finden Sie unter www.wittenstein-stiftung.de/enter-the-future.



Nächste enter the future-Veranstaltung


Die Planungen für die nächste „enter the future“-Veranstaltung der Wittenstein Stiftung laufen bereits: Voraussichtlich am 13. Oktober 2022 wird die Biologisierung, d.h. die zunehmende Integration von Prinzipien der Natur in moderne Wirtschaftsbereiche, im Mittelpunkt eines erneuten Austauschs zwischen zwei hochkarätigen Referenten und dem Publikum stehen.



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Bildquelle: Wittenstein Stiftung / Michael Pogoda


Die Referenten im Bild v.l.n.r.: Prof. Dr. Sebastian Heilmann (Professor für Wirtschaft und Politik Chinas an der Universität Trier), Dr. Anna-Katharina Wittenstein (Mitglied des Kuratoriums der Wittenstein Stiftung), Dr. Janka Oertel (Direktorin des Asien-Programms beim European Council on Foreign Relsations), und Moderator Benedikt Hofmann (Chefredakteur des MM MaschinenMarkt).


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Bildquelle: Wittenstein Stiftung / Michael Pogoda


Dr. Janka Oertel ist Direktorin des Asien-Programms beim European Council on Foreign Relations sowie Autorin zahlreicher Publikationen, u.a. zu EU-China-Beziehungen und der chinesischen Außenpolitik.

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Bildquelle: Wittenstein Stiftung / Michael Pogoda


Dr. Sebastian Heilmann ist Professor für Politik und Wirtschaft Chinas an der Universität Trier und gilt als einer der international profiliertesten China-Experten aus Europa.

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Bildquelle: Wittenstein Stiftung / Michael Pogoda


Die beiden Referenten traten mit dem Publikum – ob digital oder vor Ort – in einen aktiven Austausch.

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Bildquelle: Wittenstein Stiftung / Michael Pogoda


Die Gastgeberin des Abends: Dr. Anna-Katharina Wittenstein (Mitglied im Kuratorium der Wittenstein Stiftung und Vorstand der WITTENSTEIN SE)

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