Ersatz statt Verzicht

Fünfte enter the future-Veranstaltung: „Biologische Transformation – wofür? Und was haben Pilze damit zu tun?“


20.10.2022




Rund 200 Gäste nahmen in der TauberPhilharmonie Weikersheim und via Live-Stream am Donnerstag, 13. Oktober an der fünften Veranstaltung der Reihe „enter the future“ der Wittenstein Stiftung teil. Die Referenten Prof. Dr. Vera Meyer und Prof. Dr. Thomas Bauernhansl zeigten auf, wie zunehmend Prinzipien der Natur in moderne Wirtschafts- und Lebensbereiche integriert werden und traten mit dem Publikum – ob digital oder vor Ort – in einen fruchtbaren Austausch.


Mit Blick auf den zurückliegenden „Erd-Überlastungstag“ am 28. Juli 2022 – der Tag im Jahr, an dem die Menschheit alle natürlichen Ressourcen, die die Erde innerhalb eines Jahres zur Verfügung stellen kann, aufgebraucht hat – eröffnete Dr. Manfred Wittenstein, Stifter und Kuratoriumsvorsitzender der Wittenstein Stiftung, die nunmehr fünfte enter the future-Veranstaltung in der Weikersheimer TauberPhilharmonie: „Seit 1970 übersteigt der jährliche Verbrauch der Menschheit die global zur Verfügung stehenden Ressourcen immer früher. Bei einem ‚weiter wie bisher’ bräuchten wir also in absehbarer Zeit mehrere Erden. So werden wir unserer Verantwortung für die zukünftigen Generationen in keinem Fall gerecht. Wir sind massiv gefordert. Wir brauchen fundamental andere Ansätze.“



Nachhaltigkeit kein Synonym für Verzicht Diese Ansicht teilte der erste der beiden Referenten, Prof. Dr. Thomas Bauernhansl, Leiter des Fraunhofer-Instituts für Produktionstechnik und Automatisierung IPA in Stuttgart sowie Leiter des Instituts für industrielle Fertigung und Fabrikbetrieb IFF der Universität Stuttgart, vollumfänglich mit dem Gastgeber des Abends. Mit Fragestellungen wie „Können wir essen was uns schmeckt und was wir benötigen, ohne die Umwelt und uns selbst zu zerstören?“, „Wie können wir wirksam und bezahlbar Krankheiten heilen?“ oder „Können wir nachhaltig leben und heißt Nachhaltigkeit immer Verzicht?“ nahm er Bezug auf die bedrohliche Ausgangslage, in der sich die Menschheit aktuell befinde. 25 Prozent aller Umweltwirkungen seien auf die Art der Herstellung und des Konsums von Nahrungsmitteln zurückzuführen, 10 Prozent des Bruttoinlandprodukts aller OECD-Länder werde für Gesundheitskosten ausgegeben und die Zementindustrie zeichne sich allein verantwortlich für acht Prozent der weltweiten Treibhausemissionen, so Bauernhansl. Diesem Überbedarf könne man nur mit Innovationen entgegentreten, um nachhaltig die Versorgung der Menschen in allen Bedarfsfeldern sicherzustellen. Den Schlüssel hierzu biete die Biologische Transformation, d.h. die Verbindung der drei Disziplinen Produktionstechnologie, Informationstechnologie und Biotechnologie in einer gemeinsamen Systemarchitektur. „Wir schauen uns ab, was die Natur besonders gut kann, lassen uns von ihr inspirieren und integrieren diese Prinzipien dann in unsere Wertschöpfung. So können wir unsere Ressourcen im Kreislauf führen und dabei neue Materialien, Produktionsprozesse und Produkte herstellen. Die Möglichkeiten reichen von dezentraler Lebensmittelproduktion in der eigenen Küche, individualisierten Krebsbehandlungen bis hin zur grünen Herstellung von Wasserstoff“ – es gehe also niemals um Verzicht, sondern lediglich um ein Ersetzen und um ein neues Denken, verdeutlichte Bauernhansl.



Pilze als Transformationskünstler Prof. Dr. Vera Meyer, Leiterin des Lehrstuhls für Molekulare und Angewandte Mikrobiologie an der Technischen Universität Berlin sowie bildende Künstlerin, schreibt vor allem den Pilzen in dieser Biologischen Transformation eine bedeutende Rolle zu. „Die Erde würde ohne die Welt der Pilze heute nicht so aussehen wie sie aussieht. Pilze haben Kontinente verändert, Vegetationen möglich gemacht und die Entwicklung der Tierwelt ermöglicht. Wir können uns viel vom Königreich der Pilze abschauen, um nachhaltig zu leben.“ Bereits 1919 kam das erste Pilzprodukt in Form von Zitronensäure auf den Markt, seither werden verschiedene organische Säuren in der Biotechnologie produziert und bilden damit die Plattformtechnologie für beispielsweise die pharmazeutische und die chemische Industrie, als auch für die Textil- und die Kraftstoffindustrie. Die nächste große Revolution, die sich laut Meyer derzeit in der Pilzbiotechnologie vollziehe, sei die Neuentwicklung der Materialwissenschaften hin zu pilzbasierten, lebenden Materialien – ebenfalls angelegt in einer Kreislaufwirtschaft. So werden derzeit in Laborprozessen kompostierbare Komposite aus Pilzen und Reststoffen aus der Agrar- und Forstwirtschaft hergestellt, die sowohl als Dämmstoff als auch als Verbundmaterial genutzt werden können. „Baumaterialien, Möbel, Kleidung, Nahrung – alles hergestellt aus Pilzen: mit dieser disruptiven Technologie kann bis 2030 kann sogar ein gesamtes Haus aus Pilzen realisiert werden“, beschreibt die Pilzexpertin die Zukunft. Um diese Visionen jetzt schon greifbar zu machen, stellt sie als Künstlerin u.a. im Berliner Futurium bereits erste Projekte aus. „Die Kunst war schon immer eine Brücke von der Idee zur Gesellschaft“, so Meyer abschließend.

Über die Notwendigkeit, die Gesellschaft frühest- und bestmöglich in diesen Transformationsprozess einzubinden, sind sich beide Referenten und Dr. Manfred Wittenstein einig: „Man kann bei diesem Thema nicht im stillen Kämmerlein forschen und experimentieren und dann davon ausgehen, dass die Lösungen auf Verständnis und Akzeptanz stoßen. Kommunikation, Verständnis und Beteiligung sind hier enorm wichtig.“



Nächste enter the future-Veranstaltung

Genau hierzu möchte die Wittenstein Stiftung mit der Veranstaltungsreihe enter the future beitragen. Die Planungen für den nächsten Termin laufen bereits: Im Frühjahr 2023 wird der Zustand unserer Gesellschaft im Mittelpunkt stehen.

Die Aufzeichnung aller Veranstaltungen inklusive der Diskussionsrunden mit dem Publikum finden Sie unter www.wittenstein-stiftung.de/enter-the-future.




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(C) Wittenstein Stiftung / Michael Pogoda


Die Referenten im Bild v.l.n.r.: Prof. Dr. Thomas Bauernhansl (Leiter des Fraunhofer-Instituts für Produktionstechnik und Automatisierung IPA in Stuttgart), Moderator Benedikt Hofmann (Chefredakteur des MM MaschinenMarkt), Prof. Dr. Vera Meyer (Leiterin des Lehrstuhls für Molekulare und Angewandte Mikrobiologie an der Technischen Universität Berlin) und Dr. Manfred Wittenstein (Stifter und Kuratoriumsvorsitzender der Wittenstein Stiftung).


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Prof. Dr. Vera Meyer ist Leiterin des Lehrstuhls für Molekulare und Angewandte Mikrobiologie an der Technischen Universität Berlin sowie bildende Künstlerin.

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Prof. Dr. Thomas Bauernhansl ist Leiter des Fraunhofer-Instituts für Produktionstechnik und Automatisierung IPA in Stuttgart sowie Leiter des Instituts für Industrielle Fertigung und Fabrikbetrieb IFF der Universität Stuttgart.

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Die beiden Referenten traten mit dem Publikum – ob digital oder vor Ort – in einen aktiven Austausch.

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(C) Wittenstein Stiftung / Michael Pogoda


Der Gastgeber des Abends: Dr. Manfred Wittenstein, Stifter und Kuratoriumsvorsitzender der Wittenstein Stiftung.

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